Geschichte des Tages: Uwe Tiedje – Eine stinknormale Woche – Teil II

Geschichte des Tages: Uwe Tiedje – Eine stinknormale Woche – Teil II

Eigentlich war die Geschichte zu Ende, die ich vor 3 Wochen als Geschichte des Tages gepostet habe, aber ich fand, sie hat einen zweiten Teil verdient.

Den ersten Teil findet ihr auch auf www.autorenimnetzwerk.de .

Also springen wir ein Stück zurück, zu dem Zeitpunkt, an dem mein Privatdetektiv die Leiche in einer dunklen Gasse in einem Müllcontainer findet …

08.08.20

Eine stinknormale Woche Teil II

Was bisher geschah …

Ich bin Privatdetektiv, heiße Winston Gardner und betreibe eine kleine Detektei in Brooklyn. Keine gutgehende Detektei, eher Mittelklasse. Das Geld ist ständig knapp und meine Klienten gehören nicht gerade zur Upper Class. Aber das ist nun einmal der Job, den ich mir ausgesucht habe. Der mir manchmal Spaß macht, den ich aber meistens hasse.

 Aber … kommen wir zur Sache …

Eine Klientin hatte mich beauftragt, ihre Freundin Jane Simmons, zu finden. Sie war jetzt seit 4 Tagen verschwunden und arbeitet als Tänzerin im Cocoon, einem Club in Downtown. Der gehörte Mickey O’Rourke, einem irischen Gangster, der Prostitution, Drogenhandel und Alkoholschmuggel betrieb.

Mickeys Organisation beherrschte einen Großteil der Stadt und war der Gegenpart zur italienischen Mafia, die in diesen Tagen von Luigi Camberti geleitet wurde. Die Grenzen zwischen beiden Gangs waren klar abgesteckt und beide hielten sich an den vereinbarten Waffenstillstand. Sie hatten vorgesorgt und schmierten sowohl die Bullen wie auch Politiker, den Bürgermeister und die meisten Stadträte.

Als ich den Club aufsuchte, wurde ich verprügelt und als ich mich in einer dunklen Gasse hinter dem Etablissement meinen Schmerzen hingab, entdeckte ich Janes Leiche in einem Müllcontainer mit einem Loch in der Stirn …

 

Meine Nase schmerzte und ich konnte daher zur Zeit keine Gerüche wahrnehmen. Trotzdem schien es mir, ich konnte riechen, was da aus dem stinkenden, von Ratten verseuchten Container strömte, in dem die Leiche lag.

Ich ließ den Deckel fallen und lehnte mich an eine Laterne, bevor ich der Schwäche in meinen Beinen nachgeben konnte. In meinen Taschen kramte ich nach Zigaretten, förderte eine zu Tage, zündete sie an und inhalierte mit ein paar tiefen Zügen.

Jane war tot und das ich sie in unmittelbarer Nähe des Clubs gefunden hatte, ließ mich darauf schließen, das Mickey sie beseitigen ließ. Wahrscheinlich hatte sie etwas gesehen, dass nicht für ihre Augen bestimmt war.

Eine Weile stand ich einfach nur still da und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Doch ich kam nicht sehr weit damit. Zum einen wusste ich noch zu wenig und zum anderen fühlte es sich an, als läuteten in meinem Kopf alle Glocken Brooklyns auf einmal. Ich hatte irre Kopfschmerzen.

Also gab ich auf und steuerte die Straße an, in der Mickeys Club lag, da ich wusste, dass es dort eine Telefonzelle gab. Ich trat ein und wählte den Notruf.  Zwanzig Minuten später traf der erste Streifenwagen ein und wenig später die Fahrzeuge der Spurensicherung und der Mordkommission.

Clark Olsen, der breitschultrige Detektiv des NYPD, kam mit den Händen in den Taschen auf mich zu. Das markanteste Merkmal an Olsen war wohl seine Nase, die man in der Vergangenheit mehrfach gebrochen hatte. Die verschiedenen OP Narben waren blutunterlaufen und zeugten davon.

»Hallo Schnüffler«, begrüßte er mich knapp und deutete auf den Container hinter mir. »Lag sie da drin?«

»Für sie immer noch Mr. Gardner, Olsen. Und ja, falls sie die Leiche meinen«, konterte ich, was mir jedoch nur ein müdes Grinsen seinerseits einbrachte.

Wir gingen die paar Schritte bis zur Leiche hinüber. Man hatte sie aus dem Container geholt und ein Stückweit entfernt auf einer über den Asphalt gelegten Plane platziert. Der Pathologe und der Polizeifotograf unterbrachen ihre Arbeit, als wir uns näherten. Ich beobachtete Olsen und sah, wie er zusammenzuckte, als er die Frau betrachtete.

»Kennen sie die Tote?«

Er schüttelte den Kopf. »Kennen wäre zu viel gesagt. Ich habe sie im Cocoon gesehen bei einer Razzia. Sie hat für O‘Rourke gearbeitet.«

Ihm zu sagen, dass ich so viel bereits wusste, sparte ich mir.

»Können sie schon etwas sagen, Doc?«

Der Pathologe sah Olsen an und schüttelte den Kopf.

»Genaues erst nach der Obduktion, Olsen, das wissen sie doch. Sie wurde erschossen, wie man an dem Loch in ihrem hübschen Kopf eindeutig erkennen kann. Geschätzte Todeszeit vor ca. 4 Tagen. Aber nageln sie mich nicht darauf fest.«

Olsen nickte und wir traten ein Stück zur Seite.

»Hat ja ein sonniges Gemüt, der Arzt«, stellte ich fest. »Hören sie Olsen – meine Klientin hatte mich beauftragt, die Tote zu finden. Jane Simmons war ihre Freundin.«

»Dann haben sie ihren Auftrag ja erfüllt und können ihre Nase aus der Sache heraushalten.«

»Ist nicht ganz so einfach. Als ich nur nach ihr fragte, haben mich Mickeys Gorillas durch die Mangel gedreht. Jetzt ist es etwas persönliches.«

Olsen musterte mich kurz und nickte.

»Aber kommen sie mir nicht in die Quere, Schnüffler. Das ist jetzt Sache der Polizei und ich buchte sie schneller wegen Behinderung der Justiz ein, als sie ‚ich bin unschuldig‘ sagen können.«

Er ließ mich stehen.

Für mich war der Fall eigentlich erledigt, ich hatte meinen Auftrag erfolgreich abgeschlossen. Doch wie ich Olsen gerade gesagt hatte, war es jetzt etwas persönliches für mich. Ich war wütend, neugierig und sehr nachtragend. Da ich es den Gorillas heimzahlen wollte, konnte ich das genauso gut erledigen, indem ich versuchte, den Mörder zu finden. Also kehrte ich in den Club zurück.

Ich steuerte die Bar an und entdeckte dort Mickey O’Rourke und meine Klientin. Sie trug ein hautenges, weißes Cocktailkleid, das sich wie eine zweite Haut eng um ihren Körper schmiegte. Ihre langen dunklen Haare trug sie hochgesteckt. Sie nippte an ihrem Drink und als sie aufschaute und mich entdeckte, schlich sich Angst in ihre schönen Augen. Doch ich hatte nicht vor, sie zu verpfeifen. Es ging niemanden etwas an, dass sie meine Klientin war.

Ich eroberte den freien Barhocker neben Mickey und schwang mich hinauf.

»Whisky“, bestellte ich laut.

Bereits in den Fünfzigern ,trug O’Rourke die grauen Haare sorgfältig gestutzt und seine grauen Augen, die wie Stahl wirkten, schauten mich direkt an. Er sah aus wie der typische amerikanische Schauspieler, wie ein Frauenheld und kein Stück wie der miese, finstere Gangsterboss, der er in Wirklichkeit war.

»Sind sie gegen einen  Laternenpfahl gelaufen?«

Er musterte belustigt die Blutergüsse in meinem Gesicht und an meinem Hals.

»Eher in ihre beiden Gorillas«, erwiderte ich und deute zu den beiden hinüber, die ein Stück von uns entfernt an einer Tür lehnten.

»Cop?«

»Privatdetektiv«, antwortete ich wahrheitsgemäß.

Seine Augen zogen sich zusammen und sein Blick wurde hart. Ich wich seinem Blick aus und schaute zum Barkeeper, der sehr interessiert an unserer Unterhaltung schien.

»Schnüffeln ist ungesund, habe ich gehört. Aber gut, was wollen sie?«

»Ich habe nach Jane Simmons gefragt.«

»Jane? Was hat sie angestellt?«

»Sagen sie es mir. Es geht ihr im Moment nicht besonders. Sie liegt draußen in der Gasse hinter dem Club, umringt von Polizisten. Mit einer Kugel im Kopf.«

Ich sah, dass meine Worte wirkten. Claire wurde weiß wie ihr Kleid und vermied es, mich anzusehen. O’Rourke dagegen wirkte überrascht. Er griff nach seinem Glas und nahm einen großen Schluck.

»Natürlich kommen sie da direkt zu mir«, stellte er fest und drehte den Kopf wieder zu mir. »Sie hat für mich gearbeitet, das ist alles. Am Sonntag war sie zum letzten Mal hier, seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen. Neugier befriedigt?«

»Noch nicht ganz. Sie haben einen gewissen Ruf, Mr. O’Rourke. Es ist naheliegend, dass sie die Frau umgelegt haben.«

Ich versuchte es direkt, wollte ihn dazu bringen, eine Reaktion zu zeigen.

Jetzt wirkte sein Blick mordlüstern.

»Ich bin Geschäftsmann, Schnüffler, kein Mörder. Warum sollte ich sie töten lassen?«

»Sagen sie es mir.«

Bevor er seinen Gorillas winken konnte, stand ich auf.

»Ich habe nichts damit zu tun. Es ist besser, wenn sie jetzt gehen.«

Sein Tonfall machte deutlich, dass unser Gespräch beendet war. Also zahlte ich und ging. Man sollte sein Glück nicht herausfordern.

Merkwürdig, ich glaubte O’Rourke. Er hatte echt überrascht gewirkt. Andererseits musste man in seinem Gewerbe sicher ein guter Schauspieler sein, um solange im Geschäft zu bleiben wie er.

Mir waren die Blicke des Barkeepers aufgefallen, der unser Gespräch so interessiert belauscht hatte. Ihn würde ich mir als Nächsten vornehmen.

Doch für heute hatte ich genug. Meine Knochen schmerzten immer noch höllisch, also stieg ich vor dem Club in mein Auto und fuhr nach Hause. Ein paar Drinks und ein wenig Schlaf würden sicher Abhilfe schaffen.

 

Fortsetzung folgt …

 

© Uwe Tiedje

 

 

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