Geschichte des Tages: Sabine Reifenstahl – Vom ersten Blick bis zum letzten

09.08.2020

Vom ersten Blick bis zum letzten

Der Himmel färbt sich im Osten Violett, ein langsam aufsteigender rotglühender Ball vertreibt die Nacht, taucht das Meer in wundervolle Farben: unterschiedliche Töne von Rot, Orange, Blau. Mit angezogenen Beinen sitze ich am Strand, eingekuschelt in die dicke Strickjacke, genieße die Einsamkeit, den beruhigenden Klang der Wellen, treibe mit ihnen dahin.

»Guten Morgen, Chris, wieso hast du mich nicht geweckt?«

Lächelnd schaue zu Mike auf. »Weil ich die Ruhe liebe und du endlich mal ausschlafen kannst!« Ich sehe den aufkommenden Widerstand und schüttele abwehrend den Kopf.

»Das ist wirklich wunderschön!«, lenkt mein Mann ein.

»Diesen Anblick weiß ich erst jetzt richtig zu schätzen!«

Er setzt sich zu mir, ich lehne in seinem Arm, muss den Kopf wenden, um ihm in die Augen zu blicken; dunkelblau wie das Meer.

Ohne ihn hätte ich das letzte Jahr nicht überstanden, er ist mein Fels in der Brandung, Halt und Zuversicht. Mike trat genau zu dem Zeitpunkt in mein Leben, als ich ihn am meisten brauchte und lehrte mich, das Schicksal anzunehmen. Immer, wenn ich kurz davorstehe, im Selbstmitleid zu ertrinken, zieht er mich aus den Fluten.

Liebevoll mustere ich ihn, sauge jede Einzelheit auf. Momentan ähnelt er eher einem Sonnyboy als dem erfolgreichen Anwalt. Die Sonne hat das Haar ausgeblichen, weißblonde Strähnen fallen ins Gesicht. Automatisch streiche ich sie zur Seite, lächle und fühle die Wärme, die allein seine Nähe mir schenkt.

Die eigene Hand nehme ich erschreckend spät wahr, das Gesichtsfeld ist eingeschränkt. Doch durch den winzigen Einschnitt sehe ich fokussierter als zuvor: die Lachfältchen um Mikes Augen, sinnliche Lippen, die zum Kuss verführen.

Noch nicht! Ich will mir jedes Detail einprägen!

*

Irgendwann verglich ich meine Krankheit mit der Reise in einem fahrenden Zug, der gerade einen Tunnel passiert: Je weiter wir uns von der Einfahrt entfernen, desto mehr schränkt die Dunkelheit die Sicht ein, das Ende des Tunnels wird zusehends kleiner. Ein Glaukom schleicht unbemerkt heran. Das Gehirn gleicht fehlende Stellen aus.

Wegen wiederkehrender Kopfschmerzen ging ich zum Arzt, ohne wirklich besorgt zu sein. Umso niederschmetternder traf mich die Diagnose. Durch mangelnde Durchblutung und erhöhten Augeninnendruck war der Sehnerv irreparabel geschädigt.

Tagelang konnte ich nicht arbeiten, kehrte dann ins Atelier zurück und begann, Leinwände mit Ölfarben zu malträtieren, nur um ihre Töne aufzunehmen, für immer zu konservieren; kleckste, strich, weinte, malte.

»Das ist fantastisch!«, erklang es hinter mir. Erschrocken fuhr ich herum. Der Mann wirkte stocksteif, geschniegelt, mit einem unverbindlichen Lächeln im Gesicht.

»Entschuldigen Sie, ich bin beschäftigt, kommen Sie bitte ein anderes Mal!«

»Verkaufen Sie mir das Bild!« Die Stimme klang sanft, aber bestimmt.

Verwundert schaute ich das entstandene Werk an, hatte vom Malprozess nichts mitbekommen, die Farben waren aus mir herausgeflossen. Malen ist mein Leben, meine Glückseligkeit! Ich zögerte, denn die Erkenntnis traf peitschenscharf: Das war mein Leben!

Das Bild verschwamm hinter Tränenschleiern. »Nehmen Sie es, ich schenke es Ihnen!«, murmelte ich, mühsam das Schluchzen unterdrückend, konnte den Anblick nicht länger ertragen. Diese leuchtenden Farben – Blau, Violett, Orange, Rot, Gelb – passten nicht zur tiefschwarzen Stimmung!

Wie ein rohes Ei nahm der Fremde das feuchte Ölgemälde und warf mir einen intensiven Blick zu. Demonstrativ drehte ich mich weg, hörte die Dielen beim Hinausgehen knarzen und das Türschloss zufallen.

Erleichtert atmete ich auf. Beim Abschließen vernahm ich zaghaftes Klopfen. Ich spähte durch den Türspalt und musste grinsen. Mein ungebetener Gast sah aus, als wäre er in den Farbeimer gefallen.

»Könnten Sie mir bitte helfen?«, fragte er. Auf der Wange zeichnete sich deutlich der Sonnenuntergang vom Ölgemälde ab, während auf dem Bild die Sonne im Meer zerfloss und zu undeutlichen Schlieren verschwamm. »Ich bin so ein Tollpatsch!«, fuhr mein Gegenüber fort, zwinkerte und gluckste leise. Unwillkürlich stimmte ich ein, wir lachten befreit auf. Sein tiefer Bass bebte bis in die Zehenspitzen und ließ mich den Kummer kurzzeitig vergessen.

»Mike!«, stellte er sich vor.

»Christin!«

Mit Tuch und Pinselreiniger entfernte ich Farbkleckse, wurde dabei vom unglaublichen Blau seiner Iriden angezogen. Mein Herz schlug Purzelbäume, im Magen flatterte ein Schwarm Admiralsfalter. Etwas Derartiges hatte ich nie zuvor erlebt: Liebe auf den ersten Blick. Er leistete mir Gesellschaft beim Beheben des Schadens am Gemälde.

»Das wird uns immer an diesen magischen Moment erinnern!«, raunte Mike mir ins, Ohr. Unbemerkt war er hinter mich getreten, stand jetzt so nah, dass ich die Wärme seiner Haut spürte.

*

»Diesen Sonnenaufgang hast du damals gemalt. Irgendetwas hat er in mir ausgelöst – eine unerklärliche Sehnsucht.«

Ich kuschele mich an meinen Mann und erwidere: »Magie der Farben! Deine Augen sind phthaloblau wie der Ozean, sie zogen mich in ihren Bann!« Auch jetzt versinke ich in den Augenseen, vergesse die Furcht vor der Zukunft. Auf meiner inneren Leinwand entstehen Bilder aus kräftigen Farbtönen: Rot für die Liebe, die ich fand, hoffnungsvolles Grün erinnert an das Gras hier auf den Dünen, im tiefen Blau liegt das Versprechen, über den letzten Blick hinaus durch deine Augen zu sehen. Du bist das Licht in meiner Dunkelheit!

(c) Sabine Reifenstahl

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