Geschichte des Tages: Azura Schattensang – Ohne Titel

26.08.2020

Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte gnadenlos auf die Menschen am Boden nieder. Die Luft war unangenehm stickig und sein schweißnasses Hemd klebte auf seiner Haut. Es war definitiv die falsche Jahreszeit für eine Reise durch Mherdon, aber die Aussicht auf die höchst seltenen Artefakte hatte ihn sämtliche Widrigkeiten vergessen lassen.
Der Mann, der ihm gegenüber stand, fuchtelte wild mit den Händen, während er schnell einige Sätze auf altwerduumisch sprach. Immer wieder gespickt mit einigen mherdonischen Wörtern. Seine dunkle Haut glänzte wie Bronze in der Sonne und seine Augen waren so schwarz wie Kohle. Hektisch deutete er auf eine kleine Kiste.
Roderich beneidete die Mherdonier um ihre Hautfarbe. Seiner eigenen Haut bekam die intensive Sonne kein bisschen. Statt einen gesunden Braunton anzunehmen, wurde sie rot und begann schmerzhaft aufzuplatzen, wenn er sie nicht sorgsam mit Kleidung bedeckte. Er drückte sich seinen Hut tiefer ins Gesicht und beugte sich über die Kiste. In ihrem Inneren lag auf einer dicken Lage Stroh eine Figur aus schwarzem, glatt poliertem Stein. Sie war ungefähr so hoch wie sein Unterarm lang war und zeigte einen Drachen, der sich mit gespreizten Flügeln um eine Säule wand. Sein aufgerissenes Maul zeigte dutzende spitze Zähne und in einer Klaue hielt er eine kleine Kugel. Roderich beugte sich noch näher heran, um besser sehen zu können. Es schien, als würde der Drache eine Miniatur der Weltenkugel festhalten. Er ließ den Blick weiter wandern und entdeckte eine Inschrift am Sockel der Säule.
Wenn der Leitstern erlischt
und sein Funke zerbricht.
Wenn das letzte Lied verklingt
und der dunkle Mond den Himmel erklimmt.“
Seine Nackenhaare stellten sich auf und er machte einen Schritt zurück. Die Worte zupften unangenehm an seinem Gedächtnis, doch er konnte sich nicht daran erinnern, wo er sie schon einmal gelesen hatte. Fragend sah er den Mann an. Dieser grinste breit und fing wieder wild zu gestikulieren an. Schließlich beugte er sich zu Roderich herüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
„Merhwan.“
Roderich riss die Augen auf. Jede Faser seines Körpers warnte ihn vor der Gefahr. Sein Verstand schrie ihn förmlich an sich umzudrehen und um sein Leben zu rennen, doch irgendetwas hielt ihn davon ab. Wie gebannt starrte er die Figur an.
Die Augen des Drachens schienen lebendig geworden zu sein und bohrten sich tief in die seinen. Ohne sich wehren zu können, streckte er die Hände nach ihr aus und berührte den kalten Stein.
„Nein!“
Verwirrt sah er sich um. „Wo bin ich? Was ist geschehen?“
Hektisch durchquerte er das Zimmer, stolperte über eine Teppichkante und konnte sich gerade noch am Fenstersims festhalten und einen Sturz vermeiden. Mit zitternden Knien raffte er sich auf und betrachtete sein Spiegelbild im Glas der Fensterscheibe. Dunkle Ringe lagen unter seinen blauen Augen und das graue Haar stand wild von seinem Kopf. Das Bild vor seinen Augen verschwamm und plötzlich tauchte das Gesicht seines Bruders Heinrich vor ihm auf. Mit einem Schlag wusste er wieder wo er war… wer er war und was er getan hatte…
Der Schmerz der Erkenntnis zerriss ihn nahezu. Schluchzend sackte er in sich zusammen und begann wie ein kleines Kind zu weinen.
„Es tut mir leid… es tut mir leid“, wiederholte er wie ein Mantra.
„Was tut dir leid?“ Die dunkle Stimme schien aus weiter Ferne zu ihm herüber zu hallen und jagte ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken. Die Schatten im Zimmer wurden dichter und formten sich zu der Gestalt einer Person.
„Hast du es wieder einmal geschafft meinem Einfluss zu entkommen?“ Der Schatten schnalzte missbilligend. „Du weißt doch, dass es dir nur Qualen bereitet.“ Er streckte die Hand aus und Roderich hob abwehrend die Hände.
„Nein, bitte nicht“, flehte er.
„Schlaf“, sagte der Schatten ungerührt und berührte Roderichs Stirn.
Der Glanz in seinen blauen Augen verschwand. Mechanisch stand er auf und legte sich wieder in sein Bett.

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