Die Aufgabe für die AutorInnen war es, eine  Geschichte mit einer Länge von einer Normseite zu schreiben, in der folgende 5 Wörter enthalten sein mussten – Staudamm, Laub, Raureif, Plan, Zerwürfnis

AutorIn der Woche KW 38: Marlene Liebschenk

Für immer
Eine tiefe Unruhe ergriff mich, als ich den Parkplatz erkannte, von dem ein alter Schleichweg zum Staudamm führte. Früher waren wir oft hier gewesen, hatten uns im Sonnenlicht geliebt und stundenlang geredet. Doch jetzt schwieg Konstantin und starrte in die Dunkelheit, bevor er ausstieg, um das Auto herumlief, meine Tür aufriss und mich grob am Arm packte.
„Raus hier!“ Die Drohung, die in seiner Stimme lag, zerschnitt die kalte Herbstluft. Ich ließ mich herauszerren, unfähig mich zu wehren, spürte den Schmerz am Arm und kurz darauf einen Stoß im Rücken. Meine Schuhe rutschten über das Laub, das unter dem Raureif der endenden Nacht knisterte.
Die Sperrmauer lag bereits dicht vor uns, das Wasser tief unten glitzerte unschuldig im Licht der Sterne. Das also war sein Plan. Die Luft war so kalt und klar, dass sich düstere Gewissheit ungefiltert in meinem ganzen Körper ausbreitete.
Wann nur war unsere Liebe, die sich so unbesiegbar und einzigartig angefühlt hatte, in Hass und Angst umgeschlagen? Was hatte ich falsch gemacht, dass es zu diesem Zerwürfnis gekommen war?
Ein Schleier verzerrte plötzlich meine Sicht. Es waren meine Tränen, die mich nur schemenhaft erkennen ließen, dass sich Konstantin langsam auf den Rand der bröckelnden Mauer zubewegte. Jetzt spürte ich auch wieder seinen bohrenden Daumen in meinem Arm und meine Beine, die ihm unbewusst folgten.
Plötzlich blieb er stehen, lächelte mich an, beinahe wie früher, und flüsterte: „Für immer, Karla“.
Der glitzernde Spiegel schoss auf uns zu.
© Marlene Liebschenk

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