AutorIn der Woche KW 1: Jenny Thorwarth

Die Aufgabe für die AutorInnen war es, eine  Geschichte mit einer Länge von einer Normseite zu schreiben, in der folgende 5 Wörter enthalten sein mussten – Tränen, Gehalt, Lebenslust, Baum, Regenschirm

#autorennetzwerkchallenge

AutorIn der Woche KW 1: Jenny Thorwarth

Dies ist der Ort, an dem er Ruhe findet. Jeden Tag – und es sind lange anstrengende Tage – kehrt er hierher zurück. Er erinnert sich nicht daran, wann er zum letzten Mal ein Gehalt bekommen hat. Wann seine letzte Mahlzeit war, weiß er dafür noch ganz genau. Die Erinnerung daran fühlt sich gut an, aber sie verstärkt das leere Gefühl in seinem Magen.
Er ist müde und seine Kleidung starrt vor Schmutz. Seine Hände sind rau und rissig. Er wünscht sich eine Rasur, weil er sein Gesicht schon eine Weile nicht mehr gesehen hat. Aber will er das überhaupt? Er ist alt geworden, das weiß er. Er kann die Falten fühlen, auf seiner Stirn, um seine traurigen blauen Augen herum. Sein Mund hat auch welche – bestimmt. Vielleicht ist es ja gut so, dass er sie nicht sehen kann.
Er setzt sich auf die Bank, die unter dem Baum steht. Seinem Baum. Eine Kastanie.
Die mochte er schon als er noch ein kleiner Junge war. Nicht die Früchte, sondern die Blätter. Manchmal hatte er sich, wenn er sie erreichen konnte, eines abgezupft und das Blatt zwischen den Rillen herausgezogen. Man musste das vorsichtig tun, sonst zerriss man das instabile, wunderbar zarte Skelett.
Normalerweise versucht er sich nicht an früher zu erinnern. Aber heute hat er, vollkommen unbewusst, die Schublade geöffnet. Nun kann er sie nicht einfach so wieder schließen. Er lehnt sich zurück und gestattet sich einen Moment lang die Erinnerung zuzulassen. Tränen fließen über sein altes, müdes, faltiges Gesicht. Hastig wischt er sich über die feuchten Wangen. Er kann sich Sentimentalität nicht leisten – und doch war die kurze Reise zurück in seine, von Lebenslust und Liebe angefüllte Kindheit, eine unerwartete Wohltat für seine erschöpfte Seele.
Er blickt zur Seite. Die Geschäftigkeit des Tages klingt allmählich ab. Die Menschen wollen nach Hause.
Etwas fällt ihm ins Auge und er blinzelt überrascht. Es ist ein Regenschirm. Er ist rosa mit vielen bunten Tupfen darauf. Langsam, fast zögerlich, streckt er seine Hand danach aus und berührt ihn. Ein Kind muss ihn hier vergessen haben. Vorsichtig nimmt er den Schirm in die Hand und dreht ihn in seinen Händen. Seine raue Haut reibt über den leichten, rauen Stoff und es gibt ein angenehmes kratzendes Geräusch. Ganz kurz überlegt er, den Schirm einzustecken. Er könnte ihn schon brauchen. Aber dann hängt er ihn wieder zurück an die Bank. Das Kind vermisst ihn sicher und wird froh sein, wenn es ihn morgen wieder hier findet, wo es ihn vergessen hat. Er lehnt sich zurück und starrt gedankenverloren in das Blattwerk seines Baumes, während der Tag noch einmal an ihm vorbeizieht. Es rauscht leise im grünen Schutz des Daches über ihm. Er genießt das Geräusch und atmet lange und tief ein. Frieden. Ja, so fühlt sich das an.

(c) Jenny Thorwarth

2 Kommentare

  1. Wow. Sehr einfühlsam geschrieben. So eine sentimentale Kurzgeschichte zu schreiben mit 5 Wörtern als Vorgabe, zeugt schon sehr von der Begabung die dem Autor inneliegt.

  2. Wow. Sehr gefühlvoll geschrieben. Mit Vorgabe von 5 Wörtern solch eine wunderbare sensible Geschichte zu schreiben, lässt hoffen dass hier eine sehr talentierte Schreiberin am Werk war.

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