AutorIn der Woche KW 6: Michael Sohmen

Die Aufgabe für die AutorInnen war es, eine  Geschichte mit einer Länge von einer Normseite zu schreiben, in der folgende 5 Wörter enthalten sein mussten – Diamanten, Muschelsuppe, Liebespaar, Sternenhimmel, Erinnerung

#autorennetzwerkchallenge

AutorIn der Woche KW 6: Michael Sohmen

Dieser Eiswind! Bert fluchte. So einen kalten Winter hatte er schon lange nicht mehr erlebt. Vielleicht kam es ihm nur so vor. Schließlich war es erst das zweite Jahr, das er in Obdachlosigkeit verbringen musste. Seit, ja, seit Jule ihn verlassen, genaugenommen aus der gemeinsamen Wohnung geschmissen hatte.
Vielleicht würde ihn die Mahlzeit wärmen. Er griff nach dem Plastikteller mit Muschelsuppe, die ihm der nette Mensch von der Caritas gebracht hatte. Der Löffel war festgefroren und als er ihn herausziehen wollte, brach der Plastikstil ab. Er warf das Gefäß zur Seite und raffte das Zeitungspapier um sich zusammen, unendlich kalt war es und selbst in diese Hausnische griff der frostige Wind mit seinen eisigen Klauen. Schneekristalle funkelten wie Diamanten im Schein der Straßenlaterne. Bert blickte auf. Ein klarer Sternenhimmel öffnete sich. Dies bedeutete, er wusste es, in dieser Nacht würde es richtig kalt werden. Es war erst später Abend und er spürte bereits seine Gliedmaßen nicht mehr. Trotz allem, was er zum Schutz vor dem Erfrieren einsammeln konnte, es würde seine letzte Nacht auf Erden sein.
Als sich die Straßenlaternen verdunkelten und stürmischer Eiswind aufkam, war ihm klar, die Nacht würde er nicht überleben. Sein Körper war steif gefroren und er spürte bereits, wie seine Seele begann, aus seinem Körper zu entweichen. Zu seiner Überraschung war es ein wohliges Gefühl. In seiner Erinnerung sah er kurz die schmerzlichen Bilder, Jule, die eine Sporttasche aus dem Fester warf, in dem sich Berts Habseligkeiten befanden. Wie in einem Zeitraffer sah er die schöne Zeit, als sie ein junges Liebespaar waren. Sie waren um die Welt gereist, hatten die Karibik gesehen, scharlachrote Sonnenuntergänge, ungezählte Stunden gemeinsam im Bett verbracht.
Es wurde gleißend vor seinen Augen. Im Licht materialisierte sich eine helle Gestalt und ein wunderschöner Engel mit Schwingen in allen Farben des Regenbogens lächelte.
„Ich bin Azrael“, sprach er. „Bert. Komm mit!“
(c) Michael Sohmen

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